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Das Ich und die Anderen.

"Cause Everybody's Gotta Have Somebody To Look Down On" (Kris Kristofferson in "Jesus Was A Capricorn")

Moderner Popjournalismus ist nichts für Anfänger. Jeder Einfaltspinsel der denkt, Journalisten schrieben um möglichst vielen Lesern zu erklären, was die Vorzüge oder Nachteile eines neuen Künstlers, einer neuen Platte oder eines Konzertes ausmache, sie würden gar versuchen, den noch in Dunkelheit Verharrenden das soeben von ihnen entdeckte Neuland in der Form eines fesselnden Reiseberichts näher zu bringen, irrt.
Ähnlich dem Verve mit dem sich das Bildungsbürgertum für die "mythologische Tiefenperspektive", den "antikisierende Sprachrhythmus" und die verborgene Symbolik der Werke Thomas Manns begeisterte und sich dabei die eigene Langeweile wenigstens durch die Gewissheit versüßen konnte, dass der Pöbel für wahre Kultur einfach keinen Sinn habe, betätigen sich die modernen Propheten der Popkultur als Gralshüter des guten Geschmacks.
Wer die Spielregeln - zum Beispiel was guter Geschmack überhaupt ist - nicht kennt, darf nicht mitmachen. Wer den Eindruck bekommt, er betrachte bei der Lektüre einer Rezension in erster Linie die notdürftig durch übermotorisierte Rhetorik kaschierte Selbstbefriedigung des Autors, ist ein "Rocktrottel".
Für die Reich-Ranickis des Pop spielen Profanitäten wie "Spaß" keine Rolle. Hier regiert die Dichotomie. Musik ist entweder gut oder schlecht, dazwischen gibt es nichts.
Wie bei einem Fußballkommentator, der einen Spieler ohne ersichtlichen Grund "herausragend" oder "grottenschlecht" findet, ist es für den Rezipienten am einfachsten einfach zu gehorchen. Widersprechen Sie Autoritäten, wenn Sie selbst noch unschlüssig sind?
Mit der moralisch erhabenen Souveränität eines Heizdeckenverkäufers bringen Musikjournalisten ihre Meinung an den Leser. "Kaufen Sie jetzt, sonst tut's ein anderer - wir sagen Ihnen dann aber auch nicht, wann der Bus fährt."

Jochen Bonz, Michael Büscher, Johannes Springer (Hg.): Popjournalismus. Ventil Verlag. Mainz, 2005 Hier spricht der Neid, denn "wer sich mit den Großen anlegt, wächst selber ein bisschen und kriegt ein bisschen was ab von ihrem Ruhm", schrieb Radiomoderator Klaus Walter für WoZ und Zeit.
Nun ist auch mir das von Walter besprochene Sammelwerk Popjournalismus in die Hände gefallen. Und es hat so überhaupt nichts mit Musik zu tun. Schon das Inhaltsverzeichnis verursacht Kopfschmerzen. Schlagen hier das eigene Unverständnis und die Unzulänglichkeiten des Intellekts in Desinteresse um? Oder ist das wirklich nur für diejenigen interessant, die statt "irgendwas mit Medien" nun "Diedrich Diedrichsen werden" als Berufswunsch angeben?
Das eigentliche Problem liegt in der Tatsache, dass wir auch zum 50. Geburtstag des Rock 'N' Roll noch immer keine brauchbare Sprache haben, um über Musik zu schreiben. Doch die allgemeine Regression zum "Führerkult" und in diverse musikgeschmackliche Stämme wird dieses Problem nicht lösen. Die Verwandlung von Pop(ulär) in Dist(inktiv) empfindet anscheinend niemand als Problem.

Klaus Walter über "Pop-Popen und Rocktrottel" auf Zeit.de