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Über den Sinn und Unsinn einer Musikgeschichte.
Bis ins das 18. Jahrhundert hinein (mancherorts sogar bis ins 19. Jahrhundert) gab es für die Menschen Geschichten (Plural). Die Geschichte (Singular) existierte noch nicht.
Auf unsere Vorfahren warteten in der Zukunft nur wenige Dinge. Auf einen Winter folgte ein Frühling. Je nach montheistischer oder polytheistischer Präfernz sollte(n) ihr Gott, beziehungsweise ihre Götter zurückkehren. Vielleicht war auch ein etwas privateres Ereignis durch die ein oder andere Prophezeiung oder Weissagung angekündigt worden. Was man sich allerdings unter einem Fortschritt vorstellen sollte, war ihnen jedenfalls fremd. Um die Zukunft so richtig einführen zu können, musste in den germanischen Sprachen die Konjukationsform Futur zuerst noch erfunden werden.
Das ist alles noch gar nicht so lange her. Seitdem hat sich unsere Gesellschaft und das Leben jedes Einzelnen jedoch gewaltig verändert. Die Zukunft ist für uns oftmals von noch größerer Bedeutung als die Gegenwart (nachfolgende Generationen, demographischer Wandel, Kursprojektionen an der Börse oder die Halbwertszeit von Atommüll). Wir leben in dem stetigen Denken an das, was noch kommen könnte und sind dabei immer auf dem Sprung, um den Anschluss an den Fortschritt nicht zu verpassen.
Damit unser Gehirn sich das alles vorstellen kann, hat der moderne Mensch sich ein lineares Zeitmodell gebastelt auf dem wir uns vorwärts bewegen. Die schon vergangene Zeit verschnüren wir zu einem handlichen Paket namens Geschichte.
Aber selbst in unserer heutigen Zeit sind Fortschritt, Moderne und Entwicklung nicht alles. Wenn man sich einen kurzen Moment nimmt und sich umschaut, wird man feststellen, dass manches auf unserer Welt schon ziemlich lange da ist. Das Silicium, aus dem zum Beispiel der Chip ihres Computers besteht, hatte wahrscheinlich schon vor Millionen von Jahren ein beschauliches Leben als Sand geplant. Sein späterer Einsatz in der High-Tech-Industrie wäre ihm, wenn es denn einen hätte, nie in den Sinn gekommen. Der Wochentag Freitag trägt noch immer den Namen der germanischen Göttin Fria. Dabei sind wir längst keine "Heiden" mehr und nur noch die Wenigsten von uns sind wirklich Nachfahren der Germanen. Solche Beispiele finden sich überall, denn dafür, dass wir uns geradlinig weiterentwickeln, schleppen wir Tag für Tag ziemlich viele Antiquitäten mit. Ob Sie, lieber Leser, dabei in ihrem Alltag Wein (ca. seit 7000 Jahren bekannt) oder Cola (1886 erfunden) bevorzugen, ist allein Ihre Sache.
Der Philosoph Ernst Bloch beschäftigte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem vermeindlichen Widerspruch zwischen dem Fortschritt und der Rationalität der Moderne und der zeitgleich existierenden Verweigerungshaltung, die wir heute auch gerne Fundamentalismus nennen. Er beschrieb dies als die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Man muss sich jedoch gar nicht erst auf den Nationalsozialismus beziehen oder irgendeinen Fundamentalismus. Auch auf einem so friedfertigen Terrain wie der Musik, tummelt sich viel Gleich- und Ungleichzeitiges. Der Blues ist in einem ganz anderen kulturellen und zeitlichen Kontext entstanden und dennoch wird man selbst in der bayrischen Provinz bestimmt einen begeisterten Fan finden können. Oder nehmen sie die Werbung. Ein aktueller Trend in diesem Metier ist die Kombiantion von Musik der 50er oder sogar 40er Jahre mit der hochglanzpolierten, digital nachbearbeiteten Präsentation des neusten Autos oder eines labortechnisch entwickelten Brotaufstichs.
Im heimischen Plattenregal ist das friedliche Miteinander verschiedener Musikstile selbstverständlich. In der Musikindustrie wird "gecovert", "gesamplet" und "gereissuet" - dabei noch eine lineare Ordnung aufrecht zu erhalten, ist nicht unbedingt einfach. Wer den neuesten Trend nicht verpassen und geschmacklich immer aktuell bleiben möchte, läuft Gefahr, dass sich seine Neuentdeckung (egal ob The Strokes, The White Stripes, Franz Ferdinand oder Madonna) von missgünstigen Kritikern ganz schnell mit dem Vorwurf "Revival" oder "Soundalike" konfrontiert sieht.
Dank der menschlichen Vergesslichkeit, haben aber auch Wiederentdeckungen immer eine recht gute Chance als "originell" durchzugehen. Wirklich progressive und mit modernster Technik erzeugte Musik birgt hingegen immer auch das Risiko, auch sehr schnell und klammheimlich wieder "entsorgt" zu werden. Nichts in unserer Gesellschaft hinterlässt so viel ungeliebten Abfall wie der Fortschritt.
Unsere Musikgeschichte plagt auch noch ein anderes Problem. Als Sting 2006 eine CD mit Liedern des englischen Komponisten John Dowland (1563-1626) veröffentlichte, vertrat er in Interviews die überaus mutigen Thesen, Dowlands Lautenmusik sei die "Popmusik" des Elisabethanischen Zeitalters, Dowland selbst der "erste Singer/Songwriter Englands" und seine Liederbücher in fast jedem Haushalt zu finden gewesen. Viele Feuilletons machte das glücklich. Wahr ist das jedoch wohl genauso wie die sechstägige Arbeitswoche, die zur Erschaffung der Welt gedient haben soll.
Dowland spielte für den englischen Adel und das Königshaus. Nur die konnten sich damals so etwas wie Bücher überhaupt leisten, auch wenn seine Liederbücher nicht mehr so exklusiv waren wie der Codex Manesse. Populär im Sinne von Pop war Dowlands Musik daher wohl eher nicht. Welche Musik im Mittelalter, in der Renaissance oder noch viel früher bei den Menschen beliebt war, kann man heute nur erahnen. Wir beziehen unser Wissen über vergangene Zeiten aus Büchern. Was nicht verschriftlicht wurde (oder dessen Zeignisse nicht archäologisch ausgegraben werden) hat für uns nie existiert. Und die geschichtsschreiberische Hoheit lag in den Händen des Adels und des Klerus. Sie waren Dowlands Publikum, genauso wie das von Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) - nicht das Volk.
Als dann das Bürgertum immer wichtiger wurde und endlich dazu gehören wollte, übernahm es neben Umgangsformen und Tischmanieren auch den Musikgeschmack des Adels. Seine Begeisterung für klassische Musik war das Resultat des gesellschaftlichen Aufstiegs. Noch heute ist der Besuch einer Oper von Richard Wagner (1813-1883) bei den Festspielen in Bayreuth eher ein gesellschaftliches, denn ein musikalisches Ereignis.
Die echte Popmusik, das Volklied, ist hingegen ziemlich schlecht dokumentiert und wird noch immer wenig geschätzt. Vielleicht maßen die Menschen ihrer eigenen Musik gar nicht besonders viel Bedeutung zu. Außerdem konnten sie in den meisten Fällen nicht schreiben, geschweige denn Noten. Wir verstehen unter "Volksmusik" jedenfalls meist eher die fließbandartig erzeugten musikähnlichen Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zur Hauptsendezeit. Das von John Meier (1864-1953) begründete Freiburger Volksliedarchiv ist aber weitaus weniger bekannt als Ludwig von Köchels Katalog der Kompositionen von Mozart (Köchelverzeichnis).
Die Musikgeschichte, die wir heute kennen, ist ein Ergebnis unseres lückenhaften Wissens über vergangene Epochen und unseren Vorstellungen von Fortschritt und Entwicklung. Das wirkliche Leben vergangener Tage wird sich nie wieder seriös rekonstruieren lassen, aber durch die Tonaufzeichnung besteht zumindest ein akzeptabler Überblick über die Gleichzeitgkeit des Ungleichzeitigen in der musikalischen Welt des 20. Jahrhunderts. |