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Musikgeschmack - Man ist, was man hört.
Der Musikgeschmack eines Menschen, welche Musik und auch wie er sie hört, ist für viele ein wichtiger Aspekt der Persönlichkeit. Der eigene Geschmack hilft bei der Abgrenzung von anderen. Er verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe. Er dient als Baustein der eigenen Identität und zur Außendarstellung eines gewünschten Selbstbildes.
Schon ein kurzer Blick ins Internet gibt einen Eindruck, dass es sich dabei um ein schwieriges Thema handelt: Menschen, die die "falsche" Musik mögen, wird der Geschmack abgesprochen. Die eigene Individualität wird durch die Einzigartigkeit des persönlichen Geschmacks betont. Entschuldigungen für scheinbar unzulängliche Vorlieben werden formuliert und vieles mehr.
Was ist der persönliche Musikgeschmack eines Menschen? Wenn hier doch eine objektive Unterscheidung in "gut" und "schlecht", "richtig" und "falsch" schon auf den ersten Blick als unsinniges und unmögliches Unterfangen erscheint, wieso tauchen diese Ausdrücke dann immer wieder auf?
Wirklich umfassend ist diese Frage hier leider nicht zu beantworten, denn dafür sind zu viele Bereiche der menschlichen Existenz am Geschmack beteiligt.
Betrachtet man den Menschen zum Beispiel von seiner biologisch-medizinischen Seite, lassen sich die Auswirkungen von Musik auf die menschliche Physiologie sehr gut untersuchen. Es gibt messbare Größen, die beim individuellen Urteil über Musik mitspielen. Zum Beispiel sollte das Gehirn beim Hören immer von einem ausgewogenen Verhältnis von Neuem und Vertrauten stimuliert werden. Die Melodien sollten nicht zu bekannt (langweilig) sein, den Hörer jedoch auch nicht mit zu viel Ungewohntem überfordern. Und der Rhythmus des Gehörten sollte nicht zu weit vom Rhythmus des menschlichen Herzens abweichen.
Doch der Mensch ist nicht nur ein atmendes Hörorgan mit variabler Pulsfrequenz. Seine Empfindungen und Gedanken (bzw. ihre körperlichen Ursachen und Auswirkungen) lassen sich mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) dokumentieren - erklären kann man sie damit nicht. In erster Linie ist der Mensch ein soziales Wesen, das seine Umwelt prägt, noch stärker aber auch selbst von ihr beeinflusst wird. Konzentriert man sich darauf, zeigen sich - wie im Rahmen einer Studie des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg 2003 - einige wichtige soziale und kulturelle Einflüsse für die Entstehung musikalischer Vorlieben:
Das Alter, das Geschlecht und das gesellschaftliche Umfeld eines Menschen beeinflussen danach den Geschmack zumindest dadurch, dass sie das Repertoire liefern, aus dem die eigene musikalische Identität konstruiert wird.
Durch Beobachtungen des Alters bei den Anhängern bestimmter Musikrichtungen lassen sich schnell einige Unterschiede feststellen, liegt doch der Altersdurchschnitt der Besucher eines Sinfoniekonzertes in der Regel höher, als der beim Auftritt einer Boy Group.
Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern erscheinen hingegen geringer. Typische "Jungs-" und "Mädchenmusik" zu unterscheiden, ist umgangssprachlich einfacher als anhand der tatsächlich bevorzugten Musik. Man kann aber beobachten, dass spezialisierte Nischen, besonders aggressiverer Stile wie Heavy Metal, bei Männern oft auf stärkeres Interesse stoßen als bei Frauen.
Bei Kindern und Jugendlichen fördert eine musikinteressierte Familie besonders in frühen Jahren das eigene Interesse. Die Familie ist hier, trotz des zunehmenden Einflusses der Massenmedien, die wichtigste Vorraussetzung, ob und welche Musik man mag. Neben den Eltern beeinflussen dabei auch andere Familienmitglieder, vor allem ältere Geschwister, die frühe Entwicklung.
Die finanzielle Situation eines Heranwachsenden spielt, bei der Zusammenstellung des Repertoires, aus dem sich der Geschmack herausbildet, eine wichtige Rolle. Jugendliche beschäftigen sich zwar meist intensiver mit Musik als Erwachsene, doch ihre finanziellen Mittel sind geringer. Hier liegt ein wichtiger Grund für die große Bedeutung des Radios und des Musikfernsehens, denn sie bieten für wenig Geld den Zugang zu einem reichhaltigen Angebot.
Der Musikunterricht in der Schule stellt in den meisten Fällen keinen entscheidenden Einfluss auf den persönlichen Musikgeschmack dar. Viel wichtiger ist hier das schulische Umfeld. Die Jugendlichen verbringen einen Großteil ihrer Zeit in der Schule, deshalb besteht oft auch der Freundeskreis vorwiegend aus Mitschülern. In so genannten "peer-groups" entwickeln sie durch ähnliche Kleidung, Frisuren und Verhalten die verschiedensten Formen der Zusammengehörigkeit. Die Gruppe hat starken Einfluss auf die gesamte Persönlichkeit eines Jugendlichen, besonders stark auf seinen Musikgeschmack. Platten und CDs werden ausgeliehen. MP3s werden auf dem Schulhof getauscht. Auch das Aufnehmen der, heute etwas veralteten, Mixtapes diente am Anfang meist einem ersten Austausch im Freundeskreis.
Der Musikgeschmack steht, trotz ganz persönlicher Erinnerungen und Stimmungen, die ein Hörer mit seiner Musik verbindet, in besonders enger Verbindung zu einem Image. Wichtig sind das Ansehen der Musikrichtung, das des Interpreten und auch das Selbstbild des Konsumenten. Kann sich der Hörer damit indentifizieren oder grenzt er sich lieber davon ab?
Ältere Geschwister, Freunde, Medien und sonstige Vorbilder, denen man Kompetenz zuschreibt, beeinflussen die Auswahl. "Coolness" und die scheinbare Einzigartigkeit eines Musikers, sein kommerzieller Erfolg oder eine starke Medienpräsens können der Grund sein, seine Musik zu mögen.
Die Einführung des Etiketts "Parental Advisory Explicit Lyrics/Content" auf Platten- und CD-Hüllen sollte die Jugend eigentlich vor negativen Einflüssen bewahren, wirkte aber oft als ein zusätzlicher Kaufanreiz. Sogar die Indizierung von Platten, etwa durch die Bundeszentrale für jugendgefährdende Schriften und Medien, kann ihre Bekanntheit und das Begehren bei den jugendlichen Hörern noch steigern. Wer verbotene Dinge kennt oder besitzt kann dadurch sein Sozialprestige erhöhen - oder es zumindest versuchen.
Nicht wenige Leser von Musikzeitschriften stellen sich ihren eigenen Geschmack aus den dort veröffentlichten Kritiken und Empfehlungslisten, den "100 besten Platten aller Zeiten" oder Ähnlichem, zusammen. Dadurch, dass die Autoren ihren eigenen Geschmack zuvor oft auf die gleiche selektive Art ausgebildet haben, hat sich auch in der Popkultur, trotz ihrer Vielschichtigkeit und ihrer Nischen, eine Art Kanon gebildet. Die Mode gibt den aktuellen Geschmack vor, der Erinnerungskanon prägt das dafür zur Verfügung stehende Repertoire. Die Musikgeschichte wird rückblickend vereinheitlicht. Es entsteht Platz für die Mythen und Legenden von visionären Künstlern und revolutionären Umbrüchen. Unbeachtete Musikrichtungen und Künstler verschwinden dabei aus dem Blickfeld des Mainstream und werden oft nur von Hörern auf der Suche nach Möglichkeiten zur musikalischen Distinktion wiederentdeckt.
Weil viele jüngere Menschen mit dem immer noch populären deutschem Schlager und der volkstümlichen Musik nichts zu tun haben wollen, beginnt die deutsche Popmusik in der öffentlichen Meinung heute oft erst mit dem progressiven "Kraut-Rock" der 1970er Jahre - frühesten jedoch beim Hamburger Starclub, wo in den 60er Jahren, neben den Beatles auch deutsche Bands wie die Rattles ("Come On And Sing", 1965) oder Lords ("Poor Boy", 1965) auftraten.
Mit dem Rock 'N' Roll verbindet man zwar Elvis Presley, übersieht dabei jedoch oft, wie sich zum Beispiel in den USA auch das Establishment der Popmusik der neuen Mode - etwa mit Kay Starrs ("Rock And Roll Waltz", 1956), erfolgreich anpasste. Und die späten 70er Jahre waren nicht nur das Zeitalter des Punk, sie waren auch die Blütezeit von Disco, den Eagles ("Hotel California", 1977), Barbra Streisand ("A Star Is Born", 1977) und Udo Jürgens ("Aber bitte mit Sahne", 1977).
Wer einmal ausprobieren möchte, wie mittlerweile verschiedene Anbieter bei der Suche nach passender Musik im Internet behilflich zu sein versuchen, kann dies zum Beispiel auf der Pandora-Seite des Music Genome Project ausprobieren.