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Deutschland - Schlager, Tirolerhut und der Rock 'N' Roll.

Wie in den USA und England, hatte sich in Deutschland ebenfalls schon früh eine äußerst lebendige Unterhaltungsindustrie entwickelt.
Neben Klassik und Marschmusik besaßen auch andere Formen populärer Musik im Deutschen Reich zum Beginn des 20. Jahrhunderts schon eine lange Tradition und ein großes Publikum. Bereits die Walzer des österreichischen Dirigenten und Komponisten Johann Strauß (1825-1899) waren nach unseren heutigen Maßstäben Popmusik.
Die erfolgreichsten dieser auf Platte, im Radio und durch die Musikfilme verbreiteten Liedern hießen hierzulande "Schlager".

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es plötzlich zwei deutsche Staaten. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (BRD) hieß Konrad Adenauer (1876-1967). Der erste Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war Otto Grotewohl (1894-1964).
Der Westen näherte sich nach der "Wiederbewaffnung" mit dem Eintritt in die North Atlantic Treaty Organisation (NATO) den USA, Großbritannien und Frankreich an. Der Osten verwandelte sich in einen "Arbeiter- und Bauernstaat", kooperierte mit der Sowjetunion und wurde Mitglied des Warschauer Pakts.
In Westdeutschland sprach man von der "sowjetischen Besatzungszone" und vom "Ostblock". Der Kommunismus und die Planwirtschaft wurden verteufelt, die Marktwirtschaft und das Wiederaufbauprogramm des Marshallplans mit offenen Armen aufgenommen.

Noch dominierten aber der Schwarzmarkt und die Mangelwirtschaft. Und wie die Deutschen, waren auch die Soldaten der Besatzungsmächte vor allem damit beschäftigt, bei der Neuorganisation des Landes zu helfen. Um dem tristen Alltag des zerbombten Deutschlands und der Langeweile ihrer Kasernen zu entkommen, suchten sie als Erste wieder etwas Zerstreuung. Damit wurden die Casinos der Offiziere und die Kneipen der niederen Dienstränge zum Ausgangspunkt der wiederbelebten Unterhaltungsindustrie.
Nach und nach konnten sich bald auch immer mehr Einheimische wieder etwas Luxus leisten. Das "Wirtschaftswunder" wurde geboren. Und nach dem Krieg, dem Hunger und der Armut wollten sich die Menschen jetzt endlich wieder amüsieren.
Als ein Zeichen der politischen und wirtschaftlichen Genesung wurde der überraschende Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 durch die westdeutsche Nationalmannschaft angesehen. Der unerwartete - aber keinesfalls übernatürliche - Sieg im Sportwettbewerb verwandelte sich in das quasi-religiösen "Wunder von Bern".
Andere Dinge erhielten ebenfalls Symbolcharakter. In unserer Erinnerung bevölkern heute Autos, wie Opels Kapitän oder die Isetta der Bayrischen Motorenwerke (BMW), der erste Italienurlaub, die Milchbar, der Petticoat, der Nierentisch und die Tütenlampe die 50er Jahre. Dabei waren diese Dinge damals zwar bei Vielen beliebt, schienen aber wirklich nicht für jeden Deutschen erstrebenswert. Auch für die Geldbeutel vieler Menschen blieben sie noch für Jahre unerschwinglich.

Durch die Besatzungsarmeen kamen neue Einflüsse in das Land. Besonders die amerikanischen und englischen Soldaten genossen in Westdeutschland einen guten Ruf. Zusammen mit Coca-Cola und Kaugummi eroberte auch die Musik ihrer Militärradiosender schnell die deutsche Jugend, die bald als "halbstark" bekannt wurde. Während in den USA jedoch schon der Rock 'N' Roll ausbrach, musste hierzulande Joachim Ernst Berendt zuerst noch den popkulturellen Rückstand aufholen und gegen die gesellschaftliche Ablehnung des Jazz anschreiben:
J.E. Berendt: Das Jazzbuch. Entwicklung und Bedeutung der Jazzmusik. (Fischer, 1953) Keine "Propaganda für die Schwarze Musik" wolle sein Buch machen, betonte Berendt 1953 in seinem Vorwort. "Mißverständlich und gefährlich" sei auch die Vorstellung, dass "Jazz und Schlager oder Jazz und laute Schlagzeug-Soli dasselbe seien. Die wirklichen Jazzfreunde haben vor nichts größeren Abscheu als vor den endlosen Schlagzeug-Soli, bei denen der Schalgzeuger am Ende nicht mehr auf seinem Instrument, sondern auf einer ekstatisch schreienden Horde losgelassener junger Menschen 'drummt', sie mit jedem Schlag zu neuen Verbiegungen ihrer Körper und zu immer schrilleren Schreien anspornend".

Bei Freddy Quinn war die Jugend da schon in besseren Händen. Er wirkte gleichermaßen abenteuerlich und solide. Und das Fernweh, das der Sänger in seinen Liedern bediente, hatte nun von vielen Deutschen Besitz ergriffen.

Im Kino erfreuten sich - neben amerikanischen und auch einheimischen Western und Abenteuerfilmen, wie Fritz Langs Der Tiger von Eschnapur (1958) mit Paul Hubschmid - besonders "Heimatfilme" großer Beliebtheit. Sie bedienten nicht das, durch Johann Wolfang von Goethes Italienische Reise und Karl Mays Romane geprägte, Fernweh. Sie stillten das Bedürfnis der Zuschauer nach Glück, Geborgenheit und idyllischen Landschaften.
Besonders der Regisseur Hans Deppe beglückte sein Publikum dabei mit Kassenschlagern wie vom Fließband. Zu seinen bekanntesten Werken gehörten Schwarzwaldmädel (1950), Grün ist die Heide (1951), Wenn die Alpenrosen Blüh'n (1955), 13 kleine Esel und der Sonnenhof (1958), Mandolinen und Mondschein (1959) und Wenn die Heide Blüht (1960).

Neben ihrem starken Heimatbezug, griffen diese Filme auch immer öfter die Neuerungen der internationalen Popmusik mit auf. So fanden sich auch die ersten deutschen Vertreter des Rock 'N' Roll schnell auf der Kinoleinwand wieder.
Peter Kraus ("Mit 17", 1958 und "Sugar Baby", 1959) und dem ehemaligen Kinder-Star Conny Froboess ("Pack die Badehose ein", 1951 und "Zwei kleine Italiener", 1962) sollte das später einen schweren Stand in der Musikgeschichte bescheren. Denn waren Conny & Peter zu ihrer Zeit echte Popstars, so wurden sie im Rückblick durch die Filmrollen für ihre Kritiker eher zu einer jüngeren Ausgabe des sehr erfolgreichen, aber verstaubt wirkenden Schlager- und Filmstars Peter Alexander ("Im Hafen unserer Träume", 1956).
Diese deutsche Variante des Rock 'N' Roll, hatte nur sehr wenig Kredit. Etwas besser erging es da Ted Herold ("Ich bin ein Mann", 1959 und "Moonlight", 1960), denn sein Image ließ ihn rebellischer erscheinen.

Dem endgültigen Durchbruch internationaler Popmusik stand hierzulande weiterhin ein ernst zu nehmendes Sprachproblem im Weg.
Trotz der langjährigen englischen und amerikanischen Besatzung waren selbst elementare Fremdsprachenkenntnisse bei der Mehrheit der deutschen Plattenkäufer keine Selbstverständlichkeit. Wollten sie Erfolg haben, mussten englischsprachige Musiker umlernen. Besonders Chris Howland ("Das hab ich in Paris gelernt", 1959), Bill Ramsey ("Souvenirs", 1959) und "Zuckerpuppe", 1961), Connie Francis ("Schöner fremder Mann", 1961), Gus Backus ("Da sprach der alte Häuptling der Indianer", 1961 und "Sauerkraut-Polka",1962) und Billy Mo ("Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut", 1963) gelang es, eine ganz besondere - eingedeutschte - Version der weiten Welt ins heimische Wohnzimmer zu bringen.
Egal ob Johnny Cash, Pat Boone oder die Beatles. Sie alle gesellten sich bald in den Kreis der gelehrigen Sprachschüler und versuchten ihr Glück auf deutsch. Mit unterschiedlichem Erfolg. Zunehmend konkurrierten die Originalversionen der amerikanischen und englischen Hits in der Hitparade mit ihren deutschen Fassungen.

1956 erschien in Deutschland die erste Ausgabe des Jugendzeitschrift BRAVO. Sie berichtete sowohl über nationale wie auch internationale Musik und Filme und verhalf so manchem deutschen Schauspieler und Sänger bei seinem Aufstieg zum Star. Zu den absoluten Lieblingen der Leser gehöhrten damals unter anderem Die 7 Raben ("Smoky", 1956), Bruce Low ("Und es weht der Wind", 1956), Jimmy Makulis ("Auf Cuba sind die Mädchen braun", 1956), Wolfgang Sauer ("Cindy, Oh Cindy", 1957), Caterina Valente ("Ich wär so gern bei dir", 1957), Fred Bertelmann ("Der lachende Vagabund", 1958), Alice Babs ("Nur du, du, du allein", 1959) ), Vico Torriani ("Kalkutta liegt am Ganges", 1960) und Heidi Brühl ("Wir wollen niemals auseinander gehen", 1960).
Einen weiteren Schub sollte die Schlagerbranche zu Beginn der 60er Jahre dann auch durch die "Deutschen Schlagerfestspielen" in Baden-Baden erhalten. Jedes Jahr wohnte ein Millionenpublikum an den heimischen Fernsehgeräten dem Spektakel bei, wenn das Saalpublikum im Kurhaus und die Delegationen der öffentlich-rechtlichen Sender die Prunkstücke deutscher Liedkunst kührten.

Neben dem reichhaltigen Angebot an popmusikalischen Importen und den - meist nur in Deutschland erfolgreichen - Eigengewächsen, gab es aber auch in den 50er Jahren bereits überaus erfolgreiche Exporte. Ähnlich wie der Bandleader, Komponist und Produzent Bert Kaempfert begeisterte auch Crazy Otto das internationale Publikum.
Hinter diesem Pseudonym verbarg sich Fritz Schulz-Reichel. Er hatte als Konzertpianist begonnen, aber schon früh von der Klassik zu einer leichten Form des Jazz und später zu einer Art Honky-Tonk übergewechselt. 1955 war er mit seiner "beschwipsten Drahtkommode" und seinem Album "Crazy Otto" in den USA so erfolgreich, dass Johnny Maddox And The Rhythmmasters ("The Crazy Otto", 1955) ihn mit einem Medley ehrten. Ihre Hommage an den "verrückten" Pianisten wurde ebenfalls zum Hit.

Weitere Informationen über die Deutschen Schlagerfestspiele.