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Countrymusic - Die Wurzeln von Bluegrass, Western Swing und weißem Rock 'N' Roll.
Ob man es nun wahrhaben möchte oder nicht, die Wurzeln der weißen Countrymusic unterscheiden sich nicht sehr von denen des Blues - nur hieß die Musikkneipe hier nicht Juke Joint, sondern Honky Tonk.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging es auch der weißen Landbevölkerung der USA und den Unterschichten in den Städten - besonders in den Zeiten von Krieg und Wirtschaftskrise - alles andere als gut. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen vieler Menschen waren schlecht, doch hatten nicht alle Amerikaner auch ein Interesse daran, etwas zu verändern. Noch immer besaßen die ärmeren Schichten politisch nur sehr wenig Einfluss und die Entstehung ihrer Interessenvertretungen und Gewerkschaften wurde von der Industrie oft sogar mit Waffengewalt bekämpft.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert machten die Geschichten von blutigen Familienfehden, wie zwischen den Hatfields und McCoys, an der Grenze zwischen Kentucky und West-Virginia, die Runde. "Freiheit" und "Unabhängigkeit" wurden zu Leitmotiven, für deren Erlangung der Zweck manchmal die Mittel heiligte. Besonders in den südlichen Bundesstaaten verwandelten Presse und Trivialromane Kriminelle in Freiheitskämpfer und Volkshelden. Selbst unfähig, sich gegen die neue politische Situation oder die Unterdrückung durch Grundbesitzer und Großindustrie zu wehren, wurden für viele Amerikaner Außenseiter wie Jesse Woodsen James (1847-1882) und Billy The Kid (1859-1881) zu Vorbildern. Passend dazu kreierten der Schausteller William Frederick "Buffalo Bill" Cody (1846-1917) und andere den Mythos des "Wilden Westens", den sie mit ihren Ausstellungen und Vorstellungen bald in die ganze Welt trugen.
Die Geschichten über "Outlaws" und "Cowboys" fanden sich bald auch zahlreich in der Countrymusic wieder. In den Texten verbanden sich die Heimatliebe und tiefe Religiösität der Interpreten mit ganz und gar "weltlichen" Themen. (Schon 1910 hatte der amerikanische Literaturwissenschaftler John Avery Lomax (1867-1948) eine Forschungsarbeit über "Cowboy Songs And Other Frontier Ballads" vorgelegt.)
Musikalisch waren viele der weißen Musiker im Alltag zwar von den gleichen Einflüssen umgeben wie ihre afroamerikanischen Kollegen, doch entwickelten sie daraus eine andere Musikkultur. Die frühen Formen der Countrymusic wurden von englischer und irischer Volksmusik mit Geige, Banjo und Gitarre bestimmt. Genauso wie ein weiteres wichtiges Element, das heutigen Hörern vielleicht befremdlich vorkommt: das Jodeln. Für viele Amerikaner war diese Musik "Hillbilly" (die Musik der Hinterwäldler) oder "Country & Western". Die amerikanische Musikzeitschrift Billboard betitelte das Genre bis Ende der 40er Jahre jedoch noch ganz selbstverständlich als "Folk".
Hillbillies und Western
Zu den ersten Stars der Musikrichtung gehörte in den 1920er Jahren die Carter Family aus Virginia. Alvin P. Carter, seine Frau Sara und Schwägerin Maybelle wurden damals als erste durch ihre Arrangements und Aufnahmen von Volksliedern aus den Appalachen berühmt. Die verschiedenen Gebirgszüge dieses dicht bewaldeten Gebiets, etwa die Blue Ridge, die Cumberland oder die Big Smokey Mountains, erstrecken sich an der Ostküste Nordamerikas vom kanadischen Quebec bis nach Alabama. Um die Menschen aus den Bergen und ihr Leben rankten sich seit jeher viele Erzählungen und Legenden. Durch die Radioauftritte und Plattenaufnahmen der Carter Family wurden viele Lieder aus und über diese Region zu Klassikern (unter anderem "Keep On The Sunny Side", "Wabash Cannonball" und "Can The Circle Be Unbroken"). Viele Interpreten der Countrymusic übernahmen ihre Lieder und auch für Musiker wie Woody Guthrie und Bob Dylan wurde die Familie zu einem wichtigen Einfluss.
Ein weiterer Star war der aus Mississippi stammende Jimmie Rodgers. Der Sänger und Gitarrist, ein ehemaliger Bremser bei der Eisenbahn, litt an Tuberkulose und hatte durch seinen frühen Tod 1933 nur sechs Jahre Zeit, um mit seinen Aufnahmen zum "man who started it all" zu werden. Während viele seiner Konkurrenten sich auf die klassischen Volkslieder des weißen Amerikas konzentrierten, war Rodgers Musik ein Gemisch praktisch aller bekannten amerikanischen Musikstile. Der Einfluss des Blues stand dabei in seiner Musik gleichberechtigt neben dem Jodeln, das Hits wie "Blue Yodel No.1 (T For Texas)" (1927) und "Waiting For A Train" (1928) ihren unverkennbaren Stil gab.
Zu jener Zeit machte besonders das Radio die Countrymusic, auch während der Wirtschaftskrise, populär. Im Gegensatz zum Blues, der durch die Rassendiskriminierung in den Medien benachteiligt wurde, traf das Genre dort auf bessere Voraussetzungen. Und auch das große Interesse des amerikanischen Publikums an Westernfilmen half.
In den 30er Jahren etablierten sich die Sons Of The Pioneers durch ihre Radio- und Filmauftritte - zuerst für Decca und später für RCA Victor - als Publikumslieblinge. Ihr Repertoire stammte zu großen Teilen aus der Feder der Gründungmitglieder Vernon "Tim" Spencer und Robert "Bob Nolan" Nobles. Kopf der Gruppe war jedoch Leonard Slye, der bald als Roy Rogers zum Filmstar wurde.
Auch nachdem Slye die Gruppe für seine Hollywood-Karriere verlassen hatte, blieben sie bis Ende der 40er Jahre erfolgreich. Später riefen sie sich noch einmal in Erinnerung, als 1997 Ethan und Joel Coen die Eröffnungsszene ihres Film The Big Lebowski mit der Nolan-Komposition "Tumbling Tumbleweeds" schmückten.
Der als Schauspieler und Sänger berühmte "singende Cowboy" Gene Autry ("Back In The Saddle Again", 1938) erfreute seine Fans ebenfalls nicht nur durch seine Filmrollen, sondern gleichermaßen mit seiner eigenen Radiosendung. Im Wettlauf um die Gunst des Publikums waren ihm seine Konkurrenten Tex Ritter ("You Two-Timed Me One Time Too Often", 1945), Dick Thomas ("Sioux City Sue", 1945) und Al Dexter ("Pistol Packin' Mama", 1944) jedoch dicht auf den Fersen.
Nashville und die Grand Ole Opry
Nashville, die Hauptstadt des Bundesstaates Tennessee wurde zum Zentrum des Country-&-Western. Die Musikverlage, Plattenfirmen und Radiosendungen der Stadt waren das Sprungbrett für viele nachfolgende Musikergenerationen.
1925 wurde im dortigen Radio zum ersten Mal eine Musiksendung ausgestrahlt, die später als Grand Ole Opry bekannt wurde. In vielen Haushalten Amerikas hatte sich diese Samstagabend-Show bald zu einem festen Bestandteil des Familienlebens entwickelt. Durch ein Ensemble aus fest engagierten Stars und den Gastauftritten junger Musiker wurde sie zu einer Institution. Durch einen Auftitt in der Opry gehörte man zur Elite der Countrymusic. Heute auch im Fernsehen übertragen, ist sie die dienstälteste Radioshow der Vereinigten Staaten.
Der Sänger und Gitarrist Roy Acuff aus Maynardville, Tennessee gehörte ab 1938 zum festen Aufgebot der Sendung. Eigentlich wollte er Baseballspieler werden, doch das Schicksal wollte es anders. Zunächst verdiente er sein Geld als Fiedler in einer Medicine Show, wenig später auch als Sänger im Radio. Mit seiner Version des religiösen Liedes "The Great Speckled Bird" wurde ihm dann die Gelegenheit zu Plattenaufnahmen geboten. Auch die Verantwortlichen der Grand Ole Opry luden ihn daraufhin ein und waren von seinem Auftritt so begeistert, dass sie ihn fest unter Vertrag nahmen. Zusammen mit seinen Smoky Mountain Boys wurde Acuff bald zu einem nationalen Star. Über die Jahre erwarb er sich dabei den Ruf als King Of Country Music und entdeckte als einer der Ersten die Bedeutung der Musikverlage. Zusammen mit dem Komponisten Fred Rose gründete er 1942 die Acuff-Rose Publications. 1962 wurde er als erster Musiker in die Country Music Hall Of Fame aufgenommen und kandidierte zwischenzeitlich auch für das Gouverneursamt seines Heimatstaates Tennessee. Bis zu seinem Tod (1992) blieb Roy Acuff der Grand Ole Opry eng verbunden.
Western Swing, Honky Tonk und Bluegrass
Zu den Stars dieser Epoche zählte auch Bob Wills mit seinen Texas Playboys. Der Geiger und Bandleader ließ sich gleichermaßen von Volksmusik und Jazz inspirieren. Die Tanzmusik, die er und sein Tanzorchester mit Violinen, Klavier, Mandoline, Banjo, Schlagzeug und Bläsern schufen, wurde zum Western Swing.
In den 30er Jahren stieg Wills von einer lokalen Berühmtheit in Texas und Oklahoma zu einer nationalen Berühmtheit auf. Selbst als "untauglich" ausgemustert, gehörten - neben dem Klassiker "New San Anonio Rose" - besonders die patriotischen Lieder über den Zweiten Weltkrieg ("Stars And Stripes On Iwo Jima" und "White Cross On Okinawa") zu seinen großen Erfolgen.
Auch sein jüngerer Bruder Johnnie Lee Wills hatte 1950 mit der Eigenkomposition "Rag Mop" einen Hit.
Später wurden Hank Thompson And His Brazos Valley Boys ("The Wild Side Of Life", 1952) zu den großen Star des Western Swing.
Ernest Tubb stammte ebenfalls aus Texas. Er erspielte sich mit seinem klassischem Honky Tonk den Status eines Publikumslieblings. Tubb gehörte in seiner Jugend zu den glühendsten Verehrern der Countrymusic-Ikone Jimmie Rodgers. Seine erste Plattenaufnahme bei RCA Victor war daher auch die Hommage "The Passing Of Jimmie Rodgers". Erfolg sollte sich jedoch erst in den 40er Jahren mit einem Engagement bei Decca einstellen.
1947 eröffnete er in Nashville seinen eigenen Plattenladen. Dort produzierte er auch seine eigene Radiosendung.
Tubb gebührt der Ruhm, als erster Star der Countrymusic seine Platten in Nashville aufgenommen und die elektrische Gitarre in die sehr traditionelle Welt der Grand Ole Opry eingeführt zu haben. Ein Jahr vor seinem Tod gelang ihm an der Seite von Hank Williams, Jr. und Waylon Jennings ein letzter Hit ("Leave Them Boys Alone", 1983).
Auch die Delmore Brothers ("Blues Stay Away From Me", 1949) und Red Foley waren Stars. Unter Foleys 61 Hits, die zwischen 1944 und 1959 die Top 40 der Country-&-Western-Charts erreichten, zählen "Smoke On The Water" (1944), "Chattanoogie Shoe Shine Boy" (1950) und "(There'll Be) Peace In The Valley (For Me)" (1951) zu den Höhepunkten.
Der Gitarrist Merle Travis ("Cincinnati Lou", 1946) entwickelte sich bei Capitol Records nicht nur zu einem beständigen Hitlieferanten. Er wurde durch sein meisterliches "picking" und seine Kompositionen (darunter zum Beispiel "Smoke! Smoke! Smoke!" und "Sixteen Tons") auch zum Vorbild zahlloser aufstrebender, junger Musiker.
Der Bluegrass, jene virtuose - von Mandoline, Geige und Banjo dominierte - Spielart der Countrymusic, fand in Bill Monroe mit seinen Blue Grass Boys ("Kentucky Waltz", 1946) seinen Vater und Namensgeber. Von 1944 bis 1948 waren auch der Gitarrist Lester Flatt und Banjospieler Earl Scruggs Mitglieder der Band. Flatt & Scruggs wurden später als Duo (auch durch ihre Auftritte in der Fernsehserie The Beverly Hillbillies) bekannt. Mit Scruggs "Foggy Mountain Breakdown" und Flatts "Roll In My Sweet Baby's Arms" veröffentlichten sie einige der wichtigsten Klassiker des Bluegrass.
Derweil wurde Eddy Arnold ("I'll Hold You In My Heart", 1947) in Nashvilles Music Row zu einem der größten Countrymusic-Interpreten des 20. Jahrhunderts. Seine Bilanz von insgesamt 128 Titel in den Top 40 wird nur von George Jones übertroffen. Bis in die 90er Jahre hinein blieb der Sänger und Gitarrist aus Tennessee erfolgreich. Seine Hits brachten die Countrymusic endgültig auch in die Städte und seine Platten begeisterten sogar Menschen, die zuvor noch nichts von "Hillbilly"- und "Cowboy"-Songs wissen wollten.
Die aber, wenn auch nicht erfolgreichste, so vielleicht doch eindrucksvollste Persönlichkeit unter den neuen Countrymusic-Stars der Nachkriegs-Ära war der junge Hank Williams.
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