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Charts, Hitparade und goldene Schallplatte.
Ebenso wie die Popmusik selbst, sind auch die heute bekannten "Charts" oder "Hitparaden", eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.
Autoren, Komponisten - und besonders Verleger - hatten schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Einführung von Gesetzen hingearbeitet, die ihnen die Rechte an den von ihnen geschaffenen und veröffentlichten Werken zusichern sollten. Auf diese Bestrebungen hin, wurde 1901 im Deutschen Reich das Gesetz betreffend das Urheberrecht an Werken der Literatur und der Tonkunst, der Vorläufer des späteren Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrecht) erlassen.
Die Anstalt für musikalische Aufführungsrechte wurde gegründet. Von ihr wurden die Tantiemen für verwendete Kompositionen ermittelt. Die Musik wurde zum festgeschriebenen, wertvollen Eigentum.
Ging es bei den von dieser Verwertungsgesellschaft wahrgenommenen Ansprüchen noch vorwiegend um gedruckte Noten und öffentliche Aufführungen, konzentrierte sich die zusätzliche Anstalt für musikalisch-mechanische Rechte ab 1909 ganz auf die Produkte der Tonaufzeichnung.
Nach einigen Querelen, Konkurrenzsituationen und Neuordnungen in den 30er Jahren, übernahm 1947 in Deutschland schließlich die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) die Interessenvertretung der Komponisten, Textdichter und Musikverleger.
In den USA kümmerte sich ab 1914 die American Society of Composers, Authors and Publishers (ASCAP) um die Beachtung der Urheberrechte und die Lizensierung von Musik. Zusätzlich entstand dort ab 1939 - auf Initiative der immer erfolgreicher werdenden Rundfunkgesellschaften - auch die konkurrierende Gesellschaft Broadcast Music, Incorporated (BMI).
Das heimische Radio und - besonders in den USA - auch die neuen Juke Boxen für Kneipen, Bars und Restaurants wurden immer beliebter. Verschiedene amerikanische Unterhaltungs- und Musikzeitschriften sahen sich bald durch den Erfolg der Geräte ermuntert, ihren Lesern Listen und Tabellen (engl.: Charts) von Musikstücken zu präsentieren, die den frisch erworbenen, teuren Kasten zu einem Erfolg machen sollten. Aus dieser Empfehlung, was beliebt sein könnte, entwickelte sich mit der Zeit die Erfassung der Schallplatten, die schon beliebt waren.
Zunächst dominierten noch die regionalen Charts von lokalen Radiosendern und Plattenläden. Bald entstanden aber auch die ersten überregionale Hitlisten der im Radio ("Jockey" oder später "Airplay") oder in den Musikboxen gespielten Platten. Die Unterscheidung der musikalischen Vorlieben nach geographischen Gesichtspunkten verschwand zunehmend, dafür traten nun die Unterteilung in Musikrichtungen und nach Rasse in den Vordergrund. "Country & Western" und "Race Music" bekamen ihre eigenen Hitlisten [*].
Die erste "Harlem Hit Parade" zur Erfassung der erfolgreichsten afro-amerikanischen Musikstücke veröffentlichte die Zeitschrift Billboard 1942. Mit den Jahren entwickelten sich daraus die "Most-Played Juke Box Race Records" und die "Best-Selling Retail Race Records". 1949 entschlossen sich die Herausgeber dann, das Wort "Race" endgültig durch "Rhythm & Blues" zu ersetzen.
Billboards Country-Charts begannen 1944 als "Most Played Juke Box Folk Records" und entwickelten sich über verschiedene Jukebox-, Verkaufs- und Radio-Charts (wie etwa die "Most Played Juke Hillbilly Records" oder die "Country & Western Records Most Played By Folk Disk Jockeys") zu den "Hot Country Singles" (ab 1962).
Ab 1951 publizierte die Zeitschrift Cash Box in den USA ihre "The Nation's Top 50 Best Selling Records". Diese Liste sammelte die erfolgreichsten Titel und alle davon erhältlichen Aufnahmen. Damals war es jedoch üblich, dass mehrere Versionen desselben Liedes von verschiedenen Interpreten auf dem Markt waren. Welche Platte davon bei den Käufern wirklich die populärste war, konnte man aus diesen "Top 50" noch nicht ablesen. Größere Bekanntheit erreichten die "Top 100" (ab 1958 "Hot 100") des Konkurrenten Billboard, die 1955 zum ersten Mal erschienen. Diese universelle Popmusik-Hitliste fasste die Platzierungen der Platten in den "Bestseller"-, "Juke Box"-, "Jockey"-, "Country"- und "R&B"-Charts der Zeitschrift zusammen.
In Großbritannien veröffentlichte 1952 der New Musical Express als erste Zeitschrift seine eigenen Charts. Die setzten sich damals aus den telefonisch erfragten Verkäufen in lediglich 53 Geschäften zusammen. Der Umfang und die Genauigkeit dieser Charts wuchsen nach und nach an. 1958 kam eine Liste der umsatzstärksten Alben hinzu. Nachdem ab 1960 das Magazin Record Retailer und später auch die BBC die Erstellung der Charts übernommen hatten (der NME veröffentlichte weiterhin seine eigenen), werden die britischen "Top 100" heute von der Official UK Charts Company betreut.
media controls deutsche "Top 50" erschienen das erste Mal 1977. Drei Jahre später wuchsen sie auf die "Top 75" an und wurden 1989 schließlich zu den "Top 100". Seit 1997 werden die Daten dafür im Auftrag des Bundesverbandes Phono vollständig digital in etwa 2.000 Geschäften ermittelt. Die herkömmlichen Single-Charts wurden 2004 durch die "Download-Charts" ergänzt. Und 2005 nahm das Unternehmen dann auch die ersten deutschen "Ringtone-Charts" in sein Angebot mit auf.
Bereits 1959 hatte es in den USA mit dem "Payola"-System einen ersten Skandal um die neuen Hitlisten gegeben. Auch der große Wegbereiter des Rock 'N' Roll, Radio-Discjockey Alan Freed, stolperte dabei über das System, bei dem Plattenfirmen und Musikverlage den Discjockeys Geld bezahlten, um so ihre Produkte in Radio und Charts zu platzieren. Schon damals war klar: ein oft im Radio gespielter Titel hat es in den Hitparaden leichter als ein Titel ohne Airplay.
Wie zuverlässig die Charts das wirkliche Geschäft mit der Musik wiedergeben, blieb seitdem strittig. Nach Jahrzehnten mit, von Plattenläden ausgefüllten, Listen werden seit 1991 die Verkäufe in den USA mittels SoundScan, direkt über den Strichcode der Platte an der Kasse des Geschäfts, erhoben. Weltweit wurde dieses Verfahren seitdem zum Standard.
Damit eine CD gezählt und in den Hitlisten berücksichtigt wird, ist es aber - trotz der elektronischen Systeme - auch heute noch wichtig, in welchem Geschäft man seine Musik kauft. (Illegale Musikdownloads und ähnliches bleiben dabei natürlich sowieso unberücksichtigt.)
Noch etwas verlässlicher als die Hitlisten geben die Edelmetall-Auszeichnungen über den Erfolg eines Liedes oder einer Platte Auskunft. Seit 1958 werden in den USA die realen Verkaufszahlen durch goldene Schallplatten von der Recording Industry Association of America (RIAA) geehrt. 1976 kam auch eine Auszeichnung in Platin hinzu.
Anfänglich brachten in den USA noch 1.000.000 verkaufte Alben, bzw. Singles eine goldene Schallplatte ein. Heute würdigt man schon Umsätze von 500.000 CDs mit Gold (1.000.0000 für Platin). In Deutschland sind es 100.000 bzw. 200.000 mit der GEMA abgerechnete Tonträger.
[*] In Amerika hatte die Unterscheidung der Popmusik in verschiedene Musikrichtungen und Hitlisten nicht immer auch unbedingt etwas mit tatsächlich verschiedenen Stilen - wie Countrymusic und Rhythm & Blues (R&B) - zu tun. In besonderem Maße zeigte sich darin eine nicht unproblematische Trennung durch Rasse und sozialen Stand.
Der amerikanische Musikmarkt kannte schon früh die Begriffe "race music" oder "race records" für die Musik von afroamerikanischen Künstlern. Diese Bezeichnungen waren besonders während der 1920er und 30er Jahre, in den Zeiten klarer Rassentrennung, verbreitet. Das Genre war dabei weniger eine stilistische Unterscheidung, obwohl "race music" vorwiegend aus den afroamerikanischen Musikstilen Blues und Jazz bestand, sondern die Unterscheidung nach Hautfarbe.
Das Geschäft mit der "race music" zahlte sich für die Plattenfirmen aus. Die Umsätze waren bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 auf einem hohen Niveau und die Künstler wurden mit verhältnismäßig geringen Geldsummen entlohnt.
Nicht viel besser in den Punkten Bezahlung und Anerkennung ging es der weißen Landbevölkerung und den unteren sozialen Schichten. Country-Musiker wurden nicht wegen ihrer Hautfarbe, wohl aber wegen ihrer hinterwäldlerischen Herkunft und Musik zu Außenseitern in der Unterhaltungsindustrie.
Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden die Autoren, schwarze wie weiße, auch zu den Eigentümern ihrer Stücke und Tantiemen ersetzen die pauschale Abrechnung. Weiterhin schafften Titel aus den Bereichen R&B und Countrymusic aber nur selten auch den Sprung in die Pop-Charts. Trotz großer Umsätze wurden sie, von den für die Zusammenstellung der Charts Verantwortlichen, einfach nicht gelistet.
Im Radio hielt sich die Ausgrenzung einzelner Musikrichtungen, auch durch die Ausrichtung auf bestimmte "Formate", sogar noch länger. Für den amerikanischen Hip Hop der 80er und 90er Jahre lassen sich viele Beispiele finden, in denen geringer Radioeinsatz die Chart-Notierungen - trotz hoher Verkaufszahlen und Edelmetall-Auszeichnungen - nach unten zog.
Bei den Programmverantwortlichen unbeliebte oder nicht in die Radio- und Musikfernsehformate passende Platten unterschiedlichster deutschsprachiger Künstler wie Andrea Berg, Böhse Onkelz oder Pur fallen heute noch immer durch hohe Umsätze und minimale Medienpräsenz auf.