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Der Blues - Vom Land in die Städte.

Die Musikrichtung, die wir heute als Blues bezeichnen, entwickelte sich - wie der verwandte Jazz - im Laufe des 19. Jahrhunderts aus den verschiedensten afrikanischen und europäischen Einflüssen.
Der Blues war die Musik der afrikanischstämmigen Bevölkerung in den südlichen Vereinigten Staaten. In Gegensatz zum Spiritual oder dem, in den 1920er Jahren aufgekommenen, Gospel handelte er nicht von christlichen Themen, sondern von den persönlichen Erfahrungen und Problemen der Menschen.
Über zwei Jahrhunderte waren afrikanische Frauen und Männer als Arbeitskräfte vor allem in die englischen und spanischen Kolonien verschifft worden. Keiner von ihnen ging freiwillig. Sie wurden verschleppt, gekauft, verkauft und "gezüchtet".
Besonders die Baumwoll-, Tabak- und Zuckerrohrplantagen im Südwesten der heutigen USA wurden zu großen Abnehmern des importierten "Humankapitals".

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verboten immer mehr Länder zuerst der Handel und später auch den Besitz von Sklaven. Die Ansichten in den USA waren in dieser Frage jedoch geteilt.
Der Norden profitierte schnell von der einsetzenden Industrialisierung. Die neuen Wirtschaftszweige erforderten dort keine Sklavenarbeit mehr, während die Landwirtschaft des Südens weiterhin viele billige Arbeiter benötigte.
Die unterschiedlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsformen beider Regionen führten zu Konflikten. Die Menschen des Nordens sahen in der Sklaverei ein veraltetes, unmoralisches System. Die Bewohner des Südens wollten sich nicht vorschreiben lassen, wie sie zu leben hätten. Es kam zu einer Abspaltung, der Sezession der südlichen Staaten von der Union. Ab 1861 bekämpften sich die verbliebenen Unionsstaaten und die Abtrünnigen in einem erbitterten, verlustreichen Bürgerkrieg. Mehr als 600.000 Amerikaner sollten von den Schlachtfeldern nicht zurückkehren.
Während des Konflikts trieb Präsident Abraham Lincoln (1809-1865), auch weil er die befreiten Sklaven als Soldaten brauchte, seine Emanzipationspolitik voran. 1865 wurden die Sezessionsstaaten besiegt und das Zeitalter der Sklaverei galt auch in den USA als beendet.

Die Afroamerikaner waren nun freie Bürger. Sie "gehörten" niemandem mehr. Weil aber mit der Sklaverei nicht auch der Rassismus abgeschafft worden war, änderte sich an ihren Lebensbedingungen nur wenig. Schon während seines Siegeszugs durch Georgia hatte der Unionsgeneral William Tecumseh Sherman (1820-1891) zwar verfügt, dass jeder befreite Sklaven "forty acres and a mule" (ca. 0,16 Quadratkilometer Land und ein Maultier) bekommen solle. Daraufhin wurde zunächst auch tatsächlich damit begonnen, die Großplantagen zu vermessen und aufzuteilen. Doch nach Lincolns Ermordung wollte sein Amtsnachfolger Andrew Johnson (1808-1875) nichts mehr von diesem Plan wissen. Die neuen Eigentümer wurden wieder enteignet und vertrieben.
Noch immer waren die Afroamerikaner für ihre weißen Mitbürger "Coloureds" und "Negros" - oder schlimmer noch: "Nigger".

Viele weiße Menschen in den Südstaaten - auch diejenigen, die selbst nie Sklaven besessen hatten und dieses System ablehnten - empfanden die Niederlage als schwere Demütigung. Sie fühlten sich durch die Regierung in Washington unterdrückt. Die Geheimorganisation des Ku Klux Klan wurde deshalb anfänglich gegründet, um die Vertreter und Einflüsse des siegreichen Nordens zu bekämpfen. Mit der Zeit wurden aber die Afroamerikaner zum Hauptziel ihrer Gewalt. Brennende Kreuze, Auspeitschungen und Morde waren die Mittel, mit denen die Klanmitglieder die für sie beunruhigenden Veränderungen in der Gesellschaft abwehren und die weiße Vorherrschaft verteidigen wollten.

Dass viele Lieder der schwarzen Bevölkerung in dieser Zeit bedrückt klangen, kann nicht verwundern. Der Blues erzählte von Armut, Not und Gewalt, alltäglichen Dingen, kleinen Freuden und großen Gefühlen. Er sollte unterhalten, trösten oder einfach nur die Zeit vertreiben. Die Lieder wurden selbst komponiert oder griffen auf bekannte Texte und Melodien zurück. Sie wanderten von Sänger zu Sänger, stets im Wandel wie Geschichten, Gerüchte oder eben das, was sie waren: Volkslieder.

Wenn ein Sänger sein Publikum wirklich begeisterte, so konnte er sich über Konzerte seinen Lebensunterhalt zumindest mitfinanzieren. Für überregionale Bekannt- und Berühmtheit gab es jedoch noch kein Medium, außer Mundpropaganda und persönlicher Anwesenheit. Viele amerikanische Musiker zogen deshalb mit so genannten medicine shows durch das Land und unterhielten das Publikum der Mediziner, Quacksalber und Erfinder, die in den kleineren Städten und auf den Dörfern ihre Produkte anpriesen.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Blues, zum Beispiel mit der Veröffentlichung von W.C. Handys Komposition "Memphis Blues" (1912), richtig professionalisiert. Es entwickelte sich das klassische Zwölf-Takt-Schema. Eine Norm, die den Blues nun von anderen Musikformen abgrenzte und klar erkennbar machte.

Auch kommerziell wurde der Blues bald entdeckt. Interessanterweise fiel hier die erste Blütezeit zeitlich genau mit der Prohibition, dem Verbot von alkoholischen Getränken zwischen 1919 und 1933, und dem Aufkommen einer "zwielichtigen", oft illegal das Alkoholverbot umgehenden, Freizeitkultur zusammen.
Vor allem waren es aber die neuen technischen Möglichkeiten der Tonaufzeichnung, die die Sänger und Musiker bei einem breiten Publikum bekannt machten.
Der Jazz begeisterte auch weiße Zuhörer, doch beim Blues blieb das afroamerikanische Publikum unter sich.

Dominieren im Blues heute die Männer, so waren es am Anfang die Frauen, die den Ton angaben. Sängerinnen wie Mamie Smith ("Crazy Blues", 1920), Bessie Smith, Ma Rainey oder Memphis Minnie unterhielten die Besucher von Bars oder den damals für die Freizeitgestaltung sehr beliebten Vaudeville- und Revuetheatern. Ihre Plattenaufnahmen erzielten hohe Umsätze und machten sie schnell überregional bekannt. Dieser Blues war eine städtisch geprägte Musik für ein Publikum, das sich stilvoll amüsieren wollte.
Erst langsam traten dann auch Männer ins Rampenlicht, darunter der blindgeborene Blind Lemon Jefferson ("Black Snake Moan", "Matchbox Blues" und "See That My Grave Is Kept Clean", alle 1927) aus Texas. Der Markt wuchs und spezialisierte sich, wodurch auch klassische Formen eine neue Chance erhielten.
Die heute bekannten Spielarten des Delta und Country Blues bezogen sich inhaltlich wieder stark auf die südlichen Regionen von Georgia bis Texas, denen die Musiker entstammten. Dieser Blues war in Kneipen und ländlichen Juke Joints (kleinen improvisierten Bars mit einer Mischung aus Musik, Glücksspiel und Prostitution) zu Hause. Meistens wurde der Gesang dabei von einer Mundharmonika und einer möglichst lauten Gitarre begleitet. Diese Instrumente mussten auch ohne Verstärker ein amüsierfreudiges Publikum übertönen und durften nicht viel kosten. Sehr beliebt wurde deshalb die Resonatorgitarre (z.B. National Resonator und Dobro). Begabte Interpreten wurden schnell über die Grenzen ihres Heimatbezirks hinaus bekannt.
Mississippi John Hurt: Today! (Vanguard, 1966) Die berühmten Sänger Barbecue Bob ("Barbecue Blues", 1927) und Blind Willie McTell ("Statesboro Blues", 1928) kamen aus Georgia. Charley Patton ("Pony Blues" und "High Water Everywhere", beide 1929), Son House ("My Black Mama" und "Preachin' The Blues", beide 1930), Skip James ("Devil Got My Woman", 1931), die Mississippi Sheiks ("Sitting On Top Of The World", 1930), Mississippi John Hurt ("Candy Man Blues" und "Stack O' Lee Blues", beide 1928) und viele andere stammten aus Mississippi.

Mit dem "Schwarzen Freitag", dem Zusammenbruch der Aktienmärkte am 25.Oktober 1929 und der darauf folgenden Wirtschaftkrise, kam das gerade erblühte Geschäft mit der Musik beinahe völlig zum Stehen. Schellack wurde immer teuerer und die Plattenfirmen waren nicht dazu bereit, unnötige Risiken einzugehen. Nur noch wenige Musiker konnten Plattenaufnahmen machen. Viele mussten sich nach anderen Möglichkeiten des Broterwerbs umsehen. Die Countrymusic konnte auf das kostengünstige Radio ausweichen, aber welcher Discjockey spielte schon "Negermusik"?.
Die Erfahrungen mit der wirtschaftlichen Not und der weit verbreiteten Armut sorgten wieder für umfangreiches neues Song-Material.

Die Rettung für den Blues kam dann in den 30er Jahren nicht nur durch die wieder erstarkende Musikindustrie, sondern auch von unerwarteter Seite: durch die Wissenschaft.
Nach dem Ende der Wirtschaftskrise griff die Library of Congress erneut die, schon 1928 entstandene, Idee einer großangelegten wissenschaftlichen Sammlung von Tondokumenten wieder auf. Die verschiedenen Arten von Volksmusik aller Ethnien und Regionen des Landes sollten zusammengetragen und archiviert werden. John Avery Lomax (1867-1948) unternahm dafür ab 1933 mit seinem Sohn Alan (1915-2002) zahlreiche Forschungsreisen (die sogenannten "field trips").
Bei diesen Reisen, die in ähnlicher Form zuvor auch schon die Vertreter kommerzieller Plattenfirmen gemacht hatten, trafen die Forscher zahlreiche bereits bekannte (z.B. Son House) ebenso wie viele noch unbekannte Musiker (u.a. Muddy Waters).
Eine der ersten "Entdeckungen", die sie beim Besuch einer Gefängnisfarm machten, war der Häftling Huddie William Ledbetter (1888-1949). Er hatte Anfang des Jahrhunderts schon mit Blind Lemon Jefferson gespielt, aber zwei Verurteilungen wegen Totschlags und Mordversuchs bescherten ihm eine etwas andere Karriere. Ledbetter wurde unter seinem Spitznamen Leadbelly durch die Aufnahmen, die er für Lomax machte, zum Star eines neuen Publikums.
In der Zwischenzeit hatten nämlich weiße Studenten und Kulturschaffende ein Interesse an dieser Art Volksmusik entwickelt und auch wenn sich seine Lieder nicht in den Hitlisten wieder fanden, so wurden Stücke wie "Midnight Special" (1941), "Goodnight Irene" (1950 ein Hit für The Weavers) und "Rock Island Line" (1955 ein Hit für Lonnie Donegan) doch zu Klassikern.

Auch das normale Geschäft mit dem Blues belebte sich in den 30er Jahren wieder. Nun stand aber nicht mehr der Süden mit seinen Metropolen Memphis, Tennessee und Atlanta, Georgia im Mittelpunkt, sondern der Norden mit den großen Städten, Chicago, Illinois und Detroit, Michigan. Die Industriestädte versprachen Arbeit - oder zumindest versprach man sich das von ihnen. Viele Afroamerikaner waren in den Norden gezogen, unter ihnen auch zahllose Musiker.
Hudson "Tampa Red" Woodbridge war mit Titeln wie "It's Tight Like That" (1928) schon vor der Wirtschaftskrise erfolgreich gewesen und blieb auch danach erfolgreich im Geschäft ("Let Me Play With Your Poodle", 1942). Genauso wie Leroy Carr ("How Long, How Long Blues", 1928). Dazu gesellten sich nun die Vertreter einer neuen Generation, darunter Blind Boy Fuller, Kokomo Arnold ("Milk Cow Blues", 1934), Big Joe Williams ("49 Highway" und "Baby Please Don't Go", beide 1935), Sleepy John Estes ("Airplane Blues", 1937), John Lee "Sonny Boy" Williamson ("Good Morning Little School Girl", 1937), Bukka White ("Shake 'Em On Down", 1937; "Fixin' To Die Blues" und "Parchman Farm Blues", beide 1940) und Big Bill Broonzy ("Key To The Highway", 1941).
Sie alle wurden zu Stars und erwarben sich durch ihre Musik einen Platz in der Geschichte des Blues. Besonders der Gitarrist und Sänger Robert Johnson wurde zu einer Legende.

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